(Manfred Klimek / Foto Uwe Schiefer von Andreas Durst)
Es beginnt mit einer Zahl. 98. Schwarz auf weiß, unter einem Wein wie es ihn in Österreich so noch nicht gab: 98 Parker-Punkte für den Blaufränkisch „Ried Spitzerberg – Obere Spitzer“. Die höchste Wertbekundung, der je einem österreichischen Blaufränkischen zuerkannt wurde. Wer den Wert allein als Auszeichnung liest, übersieht etwas Entscheidendes: Es ist eine Zäsur. Und sie betrifft die Sorte, die zwei Wege, zwei Stimmen — Dorothea (Dorli) Muhr im Osten und Uwe Schiefer im Süden – kennt. In der gegenwärtigen Moderne. Selbstredend gibt es noch weitere Könige des Blaufränkisch: Velich (100 Punkte Suckling), Wachter-Wiesler, Kollwentz, Triebaumer und andere mehr. Doch Muhr und Schiefer, beide maximal verschiedene Personen, haben 2025 der mittel-osteuropäischen Sorte eine Wertigkeit gegeben, die mit großen Pinots vergleichbar ist. Und doch könnten ihre Wege unterschiedlicher nicht sein.
Muhr hat nie für Punkte und Auszeichnungen gekeltert. Sie arbeitete für eine Idee: Blaufränkisch als leise, tief mineralische und hoch elegante Antwort auf eine Rotweinwelt, die sich zu oft in Frucht und Fett verliert. Generationen von Rotweintrinkern kennen das, aber lange war Blaufränkisch bei jenen eine Randnotiz, Randlage, Randstilistik. Dorli Muhr lebt und arbeitet am Spitzerberg, einem Terrain, das kein Mythos ist: karg, windig, ernüchternd für Ertrag, aber präzise in seinem Ausdruck. Hier fand sie, was viele ignorieren: Böden, die nichts verschenken und daher nichts verbergen können. Sie vergärt spontan, sie stampft die Trauben mit ihren Füßen, sie füllt spät ab. Ihre Weine erscheinen nie gemacht, sie geschehen. Blaufränkisch, so sagt Muhr, braucht keine Maske. Und der Obere Spitzer ist der Beweis: ein Wein, der nicht übertüncht, nicht kaschiert, sondern zeigt, wie hoch Blaufränkisch gehen kann, wenn man ihm alles gibt, was er an Tiefe braucht. Und nichts, was ihn beschönigt.
Und dann ist da Uwe Schiefer — ein Winzer, dessen Geschichte ebenfalls von radikaler Selbstverpflichtung erzählt, aber in einer ganz anderen Tonart. Schiefer war einst Kellner und Sommelier im Wiener Steirereck, einer der gastronomischen Adressen Europas, bevor er sich entschloss, seinen eigenen Weg zu gehen. 1990 gründete er sein Weingut im Südburgenland, in Welgersdorf am berühmten Eisenberg, jenem roten Hügel, dessen eisen- und schieferhaltige Böden mehr Sound erzwingen als Komfort. Seither produziert er Blaufränkisch, aber keinen Blaufränkisch im gängigen Sinne. Er brachte ein Credo in die österreichische Rotweinwelt: „Less is more“ — im Weinberg und im Keller. Er verbannte Barriques zugunsten großer Eichenfässer, begann früh mit spontanen Vergärungen und verzichtet auf Filtration oder Schönung. Was bleibt, ist eine radikale Offenheit zur Traube, zur Lage, zur Sorte selbst. Diese Weine wollen nicht gefallen, sie wollen erzählen — und sie tun es mit einer Reinheit, die außen kühl erscheint und innen tief verwoben ist – schreibt einer seiner treuen Händler.
Schiefers Blaufränkisch sind anders als erwartet; sie provozieren, ohne sich zu verstecken. Kritiker beschreiben sie als analytisch präzise, mit pikant frischer Säure und feinem Tannin, einer Stilistik, die eher an hochklassigen Pinot Noir erinnert als an traditionelle burgenländische Rotweine. Die Ried Reihburg-Lagenweine und die Blaufränkisch Lutzmannsburg V.V. haben international Spitzenbewertungen erzielt — bis zu 96 Punkten und mehr, und sie gelten als Referenz für Eisenberg-Blaufränkisch in der Welt.
Wenn man Muhr und Schiefer nebeneinanderstellt, wird ein Muster sichtbar: zwei Extreme, die sich in der Mitte treffen. Muhr sagt uns, was Blaufränkisch sein kann, wenn man alles Überflüssige weglässt: Tiefe, Mineralik, Leichtigkeit trotz Komplexität. Schiefer zeigt uns, was Blaufränkisch sein darf, wenn man ihm Raum lässt: Struktur, Klarheit, Präzision ohne Verschwinden. Beide stützen sich auf die Sorte selbst — nicht auf Mode, nicht auf Technik, sondern auf das, was die Traube unter ihren jeweiligen Böden über Jahrzehnte gelernt hat – und hergibt.
Und doch unterscheiden sie sich in einem entscheidenden Punkt: Muhr ist heute Teil eines internationalen Diskurses, in dem es um das Neue in der Subtilität geht. Schiefer ist Teil eines Diskurses, der das Neue in der Klarheit sucht. Diese zwei Modelle markieren einen qualitativen Schritt in der Blaufränkisch-Evolution: nicht nur größer zu denken, sondern genauer und eigenständiger.
Diese Entwicklung ist nicht zufällig. Sie ist Ergebnis eines Jahrzehnts, in dem Österreich seinen Platz im Rotweinuniversum neu definiert hat — und zwar ohne sich zu verbiegen, ohne alte Dogmen zu repetieren, sondern indem man der Sorte vertraut und sie als solche wahrnimmt. Muhr und Schiefer sind dabei nicht nur Namen, sondern Wegmarken. Sie markieren einen Moment, in dem Blaufränkisch — lange als Zweitwein, Randwein, Zweitrang bewertet — tatsächlich eine eigene, europäische Relevanz erreicht hat: als Rotwein, der präzise, lebendig und international ernstgenommen wird.
Vielleicht ist es dieser doppelte Anspruch — das Streben nach Tiefe und nach Klarheit — der erklärt, warum gerade jetzt zwei so unterschiedliche Blaufränkisch-Interpretationen auf höchstem Niveau stehen. Es ist kein Zufall, dass Muhrs 98-Punkte-Wein und Schiefers klassische Eisenberg-Referenzen im selben Atemzug genannt werden. Sie sind kein Kompromiss. Sie sind Ausdruck einer Sorte, deren Winzer gelernt haben, ihre ganze Bandbreite zu zeigen — und das auf eine Weise, die stilistisch wie geographisch unverwechselbar ist.

