(Manfred Klimek / pic: Bundesarchiv, animation: runwayml)
Der 1. Mai ist ein Tag, an dem wir über die Arbeiterklasse sprechen. Und über Arbeit – die manuelle, die die Hände braucht. Über Produktion, über Klassen, über die Verhältnisse, die Menschen in bestimmte Rollen drängen – oder ihnen ermöglichen, sich daraus zu lösen. Und es ist ein guter Tag, um sich daran zu erinnern, dass Wein über sehr lange Zeit kein Kulturgut der feinen Unterschiede war, sondern ein integraler Bestandteil jener materiellen Alltagskultur, die man heute mit einiger Distanz als vormodern bezeichnen würde.
Noch vor fünfzig Jahren war Wein in weiten Teilen des europäischen Südens das Getränk der Arbeiter- und Bauernklasse. Kein Luxus, keine symbolische Aufladung, sondern funktionale Selbstverständlichkeit. Mehr als achtzig Prozent der gekelterten Weine waren einfache, süffige Kreszenzen – oft rustikal, selten fehlerfrei, aber trinkbar, nahrhaft, begleitend. Sie standen mittags wie abends auf dem Tisch, verdünnt mit Wasser, eingebettet in eine Ernährungsweise, die weniger von Hedonismus als von Notwendigkeit geprägt war. Wein war hier nicht Distinktionsmittel, sondern Kalorienquelle, Flüssigkeit, Ritual.
Diese Praxis folgte keiner Ästhetik, sondern einer Ökonomie. Sie war Ausdruck eines agrarisch geprägten Lebens, in dem Produktion und Konsum kaum getrennt waren. Der Winzer und seine Leute tranken ihren eigenen Wein, der Arbeiter den aus der Region. Es gab keine elaborierte Semantik des Geschmacks, keine elaborierte Hierarchisierung von Lagen, Jahrgängen, Ausbauformen. Was zählte, war Verfügbarkeit.
Mit dem Übergang in eine spätmoderne Gesellschaft veränderte sich dieses Gefüge fundamental. Das aufstrebende neue Bürgertum – ökonomisch erstarkt, kulturell suchend – begann, diese Lebensform zu adaptieren. Nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Wahl. Der Wein, zuvor zumeist bloßes Gebrauchsgut, wurde zum Objekt der Reflexion. Qualität wurde entdeckt, differenziert, systematisiert. Und mit ihr kam die Distinktion.
Was Pierre Bourdieu als symbolisches Kapital beschrieben hat, ließ sich im Wein exemplarisch beobachten. Die Wahl des Weins wurde zum Marker sozialer Zugehörigkeit. Herkunft, Rebsorte, Ausbau – alles erhielt Bedeutung. Der einfache Tischwein verschwand aus den besseren Haushalten, ersetzt durch komplexere, „höherwertige“ Gewächse, die nicht nur getrunken, sondern besprochen wurden. Der Wein wurde zum Diskursgegenstand.
Diese Phase hat den modernen Weinbau geprägt. Sie hat Innovation ermöglicht, Qualitätsdenken etabliert, Regionen auf die Landkarte gebracht. Aber sie war immer auch exklusiv. Und sie ist, in dieser Form, vorbei.
Die Arbeiterklasse, soweit sie in ihrer klassischen Form noch existiert, trinkt heute kaum mehr Alkohol im Arbeitsalltag. Arbeitsrechtliche Regulierungen, Sicherheitsvorschriften, ein gestiegenes Bewusstsein für Risiken – all das hat den Wein aus den Produktionsprozessen verbannt. Was früher Teil der Tagesstruktur war, ist heute aus ihr ausgeschlossen.
Hinzu kommt eine demografische Verschiebung, die selten offen thematisiert wird. Ein erheblicher Teil der heutigen Arbeiterklasse in vielen europäischen Ländern besteht aus Menschen mit muslimischem Hintergrund. Für sie ist Alkohol kein kulturell verankertes Alltagsgut, sondern oft bewusst vermiedene Substanz. Der Wein verliert hier nicht nur seine Funktion, sondern auch seine Anschlussfähigkeit.
Parallel dazu erodiert das bürgerliche Distinktionsmodell. Die großen Erzählungen vom besseren Wein, vom exklusiven Genuss, vom kulturellen Kapital des Kenners haben an Überzeugungskraft verloren. Nicht, weil es keine großen Weine mehr gäbe. Sondern weil die soziale Funktion, die sie einst erfüllten, brüchig geworden ist. Der Konsum hat sich pluralisiert, fragmentiert, entideologisiert.
Und doch wäre es vorschnell, daraus einen Abgesang zu formulieren. Denn Wein hat bereits eine Transformation überstanden, die ebenso radikal war wie die gegenwärtige. Vom Alltagsgetränk der Arbeiter und Bauern zum Kulturgut des Bürgertums – das war kein linearer Prozess, sondern ein Bruch. Dass er gelungen ist, lag nicht zuletzt an der Fähigkeit des Weins, sich neu zu codieren, neue Bedeutungen anzunehmen, ohne seine materielle Basis zu verlieren.
Heute steht er erneut an einem solchen Punkt. Der Markt schrumpft in bestimmten Segmenten, Gewohnheiten verändern sich, gesellschaftliche Rahmenbedingungen verschieben sich. Aber die grundlegende Qualität des Weins – seine Fähigkeit, Ort, Zeit und Arbeit in einer Form zu verdichten, die unmittelbar erfahrbar ist – bleibt bestehen.
Mag sein, dass Wein in Zukunft weniger getrunken wird. Vielleicht wird er seine Rolle erneut verändern. Aber die Geschichte legt nahe, dass er nicht verschwinden wird. Zu tief ist er in den kulturellen, ökonomischen und symbolischen Strukturen Europas verankert.
Der 1. Mai erinnert daran, dass alle diese Strukturen auf Arbeit beruhen. Auch der Wein. Und vielleicht liegt genau darin seine beständigste Form von Bedeutung.

