(Manfred Klimek / Claude Auguste)
Am Beginn eines Jahres, das schon früh harte Blicke in die Zukunft des Weins richtete, hat das Universum der Reben zwei Persönlichkeiten verloren, die in je eigener Weise die Tradition, den Ausdruck und das Selbstverständnis großer Weinbaukultur geprägt haben: Pierre Trimbach aus dem Elsass und Daniel Cathiard aus dem Bordelais.
Pierre Trimbach, 12. Generation und technischer Direktor der Maison F.E. Trimbach in Ribeauvillé, starb Ende Januar 2026 plötzlich und überraschend. Er war einer der prägendsten Winzer des Elsass, bekannt für kompromisslose Präzision und eine fast puristische Herangehensweise an Terroir und Weißweinbau. Seine Nähe zum Riesling – insbesondere zu den großen trockenen Grand-Cru-Lagen – zeichnete ihn aus und machte Trimbach-Weine, allen voran Clos Sainte Hune oder die Cuvée Frederic Emilie, zu internationalen Referenzpunkten für trockene Rieslinge.
Die Maison Trimbach selbst blickt auf eine fast vierhundertjährige Geschichte zurück, gegründet 1626 und heute eine Institution der elsässischen Weinwelt. Generationen wechselten, aber der Fokus auf klar strukturierte, langlebige, terroirbetonte Weine blieb immer bestehen. Dabei war es nie ein gestalterischer Geniestreich eines Einzelnen, sondern ein generationsübergreifender Prozess – doch Pierre Trimbach stand für die Seele dieses Prozesses, für das Ringen um Ausgewogenheit, Eleganz und Ausdruck.
Unter seiner Ägide entstanden Weine, die Klarheit über Opulenz stellten, Ausdruck über Effekte. Schon in der enzyklopädischen Geschichte des Hauses wird er als einer der am meisten respektierten Kellermeister genannt, häufig als Purist des Elsass bezeichnet: jemand, der nur das in der Flasche haben wollte, was der Weinberg selbst an Information hervorbringt.
Während Trimbach in Jahrhunderten dachte, lebte und arbeitete, war Daniel Cathiard ein Vertreter jener Generation, die im 20. Jahrhundert die biodynamische Bewegung und die Erneuerung klassischer Grand-Vins in Bordeauxmitprägte. Der Mit-Eigentümer und charismatische Lenker von Château Smith Haut Lafitte, Graves, Bordeaux – offizieller Link starb am 28. Januar 2026 im Alter von 81 Jahren nach einer kurzen Krankheit.
Smith Haut Lafitte war lange Zeit ein gut klassifiziertes Weingut der Graves, Cru Classé, aber unter Cathiards Führung wurde es zu einem der klangvollsten Weingüter Frankreichs. Gemeinsam mit seiner Frau Florence Cathiard führte er das Château zurück zu biodynamischen Prinzipien, die das Terroir in den Vordergrund stellten: ein kompromissloser Fokus auf Boden, Rebe und das lebendige Zusammenspiel beider.
Doch Cathiard war kein Bordeaux-Traditionalist. Seine Vision streifte Kontinente: Er war Mitbegründer des Cathiard Vineyard in Napa Valley, Kalifornien, und damit einer der Wenigen, die die kraftvolle, expressive Dichte neuweltlicher Weine mit der strukturellen Eleganz des Bordeaux verbinden wollten. Seine Weine – egal ob aus Graves oder Napa – trugen stets das gleiche, klare Bekenntnis: Respekt vor dem Land, Mut zur Biodynamik, Sinn für Balance und Aussagekraft.
Die Parallelen zwischen diesen beiden Männern sind überraschend: Respekt vor Herkunft, Fähigkeit zur Innovation, ohne dabei den Boden der Tradition zu verlieren – und ein Verständnis von Wein als etwas Lebendigem, nicht als bloßem Handelsgut.
Doch wo Trimbach die Frage beantwortete: Wie bleibt eine 400-jährige Tradition frisch und relevant? – da antwortete Cathiard auf die Frage: Wie gestaltet man heute Spitzenwein mit Respekt vor morgen?
In Zeiten, in welchen vieles im Wein im Zeichen von Trends, Moden, Technologie und Vermarktbarkeit steht, blieben beide ihrer philosophischen Grundausrichtung treu: Wein als Interpretation eines Ortes und seiner Menschen. Bei Trimbach war es die kühle Präzision des Elsass, der kalkige Grundton der Grand-Cru-Lagen, das stille Statement von Struktur und Langlebigkeit. Bei Cathiard war es die Verbindung von klassischem europäischen Gedankengut und der offenen, sinnlichen Kraft kalifornischer Ausdrucksformen.
Beide Hinterlassenschaften werden Fortsetzung finden – in den Weinen, in den Kellern, in den Händen derjenigen, die ihnen gefolgt sind. Aber mit dem Tode von Pierre Trimbach und Daniel Cathiard verliert die Weinwelt zwei Stimmen, die nicht nur gehört wurden, sondern die den Klang dessen, was großer Wein sein kann, aktiv mitbestimmt haben.

